Aug 13 2010
Sommer, Sonne, Standfeeling…
wer kennt dieses Gefühl nicht und sehnt sich ein ganzes Jahr danach… für Rollstuhlfahrer und Menschen mit körperlichen Handicap ist Strand und Sandfeeling nicht ohne doppeltes Handicap möglich. Haben Sie schon mal versucht im weichen, warmen Sand einen Kinderwagen oder ähnliches zu schieben? dann wissen Sie warum, auch ich mein HP Bild mit Holzsteg gewählt habe (=
Klaus D. Herzog einer, er denkt, probiert und anders handelt … wie gewinnbringend für alle Menschen. Anbei sein Erfahrungsbericht…über sein Wintermärchen, das auch zum Sommermärchen werden kann…
Segway® im Sitzen für Rollstuhlfahrer – kann das funktionieren ?
oder
Aus dem Wintermärchen Borkum wird ein Sommertraum … (=
Auf der RehaCare 2oo9 traute ich meinen Augen kaum, als ich plötzlich einen Mann sah, der mit einem Segway leicht und lässig im Sitzen durch die Gänge steuerte. Dieses futuristische Gefährt, hatte ich bisher nur als Transportmittel für Fußgänger gekannt. Aber für Sitzmenschen!! – das musste und wollte ich auch ausprobieren – also hinterher. Fündig wurde ich am Stand von wheel-it und der genüssliche Fahrer war Philip V. Örüm, manch einem vielleicht bekannt noch von seiner Zeit bei Rehability oder vom TetraRugby.
“Ja, klar kannst du den ausprobieren! Komm gegen Ende der Messe noch mal vorbei.“
Philip hatte einen speziellen Sitz entwickelt, der die Fußplatten belastet und fest arretiert ist. So kann er jetzt mit seinen Freunden auf kleine Wanderungen und Ausflüge gehen. Das Gerät für die Messe wurde wheel-it von der Firma stehendmobil zur Verfügung gestellt.
Mit etwas Hilfe war das Aufsitzen für mich gar nicht so schwer – nur musste der Segway bereits laufen und deshalb gut festgehalten werden – und schon saß ich oben – Wohw! – Der hält sich ja wirklich locker von selbst im Gleichgewicht. Vorsichtig lehne ich mich nach vorn und schon bewegt sich die Maschine vorwärt – ein leichter Druck an der Lenkstange und es fährt zur Seite – zurücklehnen – ganz wenig nur – und schon steht es wieder still – und balanciert sich selbst aus – unglaublich aber wahr!
Egal ob Wunder der Technik oder Zauberei – es scheint jedenfalls zu klappen – ich kann’s noch gar nicht fassen. Ich will mehr! Und so darf ich den Sitz-Segway noch einige Runden über den Parcours des DRS in Halle 7 bewegen. Vorwärts-Rückwärt, Slalom völlig easy, Rampe rauf und runter – geht auch, kleine Stufen abwärts – locker – und hinauf, mit etwas Schwung – kein Problem – ich werde sicherer und (wage)mutiger – jetzt noch über die Wippe – butterweich – es ist einfach faszinierend! Eine völlig neue Form der Fortbewegung, so irgendwie zwischen Sitzen/Fahren-im-Rolli und Laufen. Dazu kommt, dass ich eine höhere Sitzposition habe und mich nahezu wieder auf Augenhöhe mit den Fußgängern befinde – das tut so gut!
Eine ganze Woche habe ich jede Nacht davon geträumt mich nunmehr so fortzubewegen. Ich denke, wo ich hin will, bewege den Oberkörper etwas nach vorne – und schon geht es da hin – im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft.
Wie kann’s jetzt weitergehen? – Ein Blick ins Internet zeigt mir, dass es einige Leute und Ideen gibt, den Segway auch im Sitzen zu betreiben. Ob jetzt als Segway Puma oder Centaur, als Design Studie P´gasus, oder mit einfachen Sitzen von Firmen wie SegSeat oder SegSaddle. Unter den u.a. Videos könnt ihr Euch selbst ein Bild machen.
Ich hatte Glück-ghabt, und konnte mir bei einem Bekannten einen Golf-Segway ausleihen (Sanitätshaus Reiss in Regensburg – langjährige Verbundenheit, Junior Hermann hat so ein Teil) Ein befreundeter Schreiner zimmerte mir einen feinen Sitz und schon konnte ich auf Testfahrten gehen. Einmal durch unser Dorf – auf neuen Wegen. Ute sagte: „Der ist jetzt wie ein kleines Hündchen, mal läuft er hier hin mal da hin, dann vor und wieder zurück“ Sie hatte recht, ich musste einfach endlich mal überall da hin, wo ich die letzten Jahren nicht hingekommen bin.
Und dann wollte ich es wissen: Das Ding müsste doch auch am Strand funktionieren. Breite Reifen hat er und Kraft genug, wie es mir scheint. Wie oft war ich melancholisch, traurig, oder gar wütend auf der Promenade gestanden, wenn die anderen lässig leicht und fröhlich über den Sandstrand von Borkum rannten. Diverse Versuche ob mit dicken Rollireifen oder drittem großen Rad waren – leider – doch immer eher frustrierend …. im Sande verlaufen.
Und mit einem Quad oder dem Superfour wollte ich da eher ungern rumfahren – alleine der Transport und die zu erwartenden Sonderausnahmegenehmigungsanträge, bzw. die grüne Seele ach in meiner Brust, hinderten mich bisher daran diesen Schritt zu tun – und der besagten Freiheit dieser Erde auf-dem-Rücken-der-Pferde hatte ich schon vor Jahren nach ein-zwei äußerst wackeligen Versuchen eine Absage erteilt.
Da ich im Winter sowieso schon lange mal an die See wollte, und mir die Stimmung zu dieser Jahreszeit besonders toll vorstellte, ging es zum Jahreswechsel auf nach Borkum. Also Segway und Sitz in den Kofferraum – für allzu genaue Fragesteller oder Verbotsfetischisten noch zwei Rolliaufkleber dran gepappt und schon ging es los.
Kaum angekommen wurde aufgesessen und los ging´s zum Strand; vorsichtig über die Schneereste und Dünenausläufer, das geht doch schon ganz gut und dann ab in Richtung Waterkant, leichtfüßig, kaum Spuren ziehend, nur das Knirschen des gefrorenen Untergrundes in und den eisigen Wind um die Ohren – es ist sooo gail ! Nach fast 30 Jahren wieder am Strand langspazieren, das ist einfach erhebend.
Klar klingt ein Gefühl im Hintergrund mit; tja, was ist, wenn dir der Strom ausgeht, oder die Technik trotz doppelter und dreifacher Sicherheit versagen sollte, oder die Grenzen des Systems überschritten werden – aber erst mal überwiegen die positiven Gefühle und für die stützradtechnischen Notwendigkeiten wird sich schon noch eine Lösung finden.
Segway im sitzen, das ist im Moment einfach etwas ganz, ganz Neues. Ähnlich wie beim Monoskifahren konnte ich mir am Anfang auch nicht vorstellen, dass so etwas überhaupt möglich ist. Viele sprachen uns damals die Realisierung gar ab – und heute: immer schwerer behinderte Menschen können Mono- bzw. BiSki fahren, die Berge genießen, die Grenzen der Un/Möglichkeiten verschieben, das Handicap verringern – dafür gilt es zu forschen, zu experimentieren, die Lehrwerkstätten und technischen Lehranstalten zu bemühen und nicht zu sagen das geht nicht.
Also – auf geht´s, wir sind dabei !
Herzliche Grüße
klausd.herzog@gmx.de
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